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Zett – Das Magazin der Zürcher Hochschule der Künste – 1 – 2013

Festspiele heute – eine umstrittene Theaterform

im strudel von geschichte(n) Theaterprojekte anlässlich historischer Jubiläen sind en vogue. In diesem Jahr feiern die Kantone Appenzell Innerrhoden und Appenzell Ausser- rhoden gemeinsam den 500. Jahrestag der Auf- nahme in die Eidgenossenschaft (1513). Einen zentralen Teil der offiziellen Feierlichkeiten bil- det ein Festspiel mit dem Titel «Der Dreizehnte Ort». Yvonne Schmidt und Anton Rey* Das vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) geförderte Forschungsprojekt «Festspiel heute – Bedeutung und Praxis einer umstrittenen Theaterform» am Institute for the Perfor- ming Arts and Film (IPF) untersucht erstmals systematisch diese performative Praxis, welche in der Theorie bereits für tot erklärt wurde. Denn Festspiele sind, spätestens seit sie als Pro- pagandamittel missbraucht worden sind, höchst umstritten. In der Schweiz wurde bereits im Kontext des Kulturboykotts um die 700-Jahr-Feier 1991 das Ende des Festspiels konsta- tiert. In der Praxis hingegen ist Theater zum Fest durchaus beliebt: Auch Dozierende, Studierende oder Absolventinnen der ZHdK wirkten wiederholt an Festspielen mit, so jüngst beimFreilichtspektakelBülachZH2011,beimszenografischen Projekt der Gruppe T-Raumfahrt in Turtmann VS oder bei einer Theaterreise mit dem Tram von Basel nach Rodersdorf SO zum Jubiläum der Birsigtalbahn. Das Festspiel im Wandel der Zeit Wie hat sich die Theaterform in der Schweiz in den letzten zwanzig Jahren entwickelt? Wie ist die Abgrenzung zu zeit- genössischen Formen des dokumentarischen Theaters, bei- spielsweise Reenactment oder Oral History Performances? Welche soziale Bedeutung besitzen Festspiele im 21. Jahr- hundert und vor allem: Wie funktioniert dieser Prozess des Theatermachens mit nichtprofessionellen Darstellenden? Das Forschungsprojekt geht diesen Fragen aus theaterwis- senschaftlicher, soziologischer und geschichtswissenschaft- licher Perspektive nach und richtet das Augenmerk auf die Anwendungsorientierung. Das Team um die Projektleiterin Yvonne Schmidt forscht in engem Dialog zwischen Theo- rie und Theaterpraxis. Vom IPF zeichnen ausserdem Lilia- na Heimberg, die das Festspiel auch inszeniert, und Milena Meier als Wissenschaftliche Mitarbeiterinnen sowie Anton Rey als Gesuchsteller und Coach für das Forschungsprojekt verantwortlich. Forschungspartner sind das Institut für Thea- terwissenschaft der Universität Bern, der Forschungsbereich Öffentlichkeit und Gesellschaft der Universität Zürich und das Europa-Institut der Universität Basel. Laborantinnen ihrer Geschichte(n) Während die Theaterwissenschaftler der Uni Bern unter der Leitung von Andreas Kotte eine theaterhistorische Studie zum Festspiel durchführen, untersuchen die Theaterprakti- kerinnen einen aktuellen Theaterprozess: Auf dem Landsge- meindeplatz in Hundwil AR, wo am 2. Juni 1597 der Entscheid zur Trennung beider Appenzeller Kantone fiel, setzen sich im Rahmen des Festspiels «Der Dreizehnte Ort – ein musi- kalisches Spiel zum Fest» mehr als 150 nichtprofessionelle Darstellende mit ihrer 500-jährigen Geschichte auseinander. Nicht eine lineare Geschichte, sondern «ein Strudel von Ge- schichten» – so heisst es im Text – entsteht dabei und wird erzählt. Im Fokus der Forschung am IPF steht, wie die nichtprofes- sionellen Darstellenden im Probenraum zu Laborantinnen und Laboranten ihrer Geschichte(n) werden. Parallel dazu untersuchtdasTeamderUniversitätZürichumPatrikEttinger das Festspiel, immerhin die erste gemeinsame Jubiläumsfeier seit der Kantonsteilung, im Hinblick auf die kulturelle Identi- tät. Damit schliesst das Projekt nahtlos an zwei SNF/DORE- Forschungsprojekte zum aktuellen Freilichttheater am IPF an, deren Expertise sowohl in den künstlerischen Prozess als auch in den Forschungsprozess einfliessen soll. Man kann also doppelt gespannt sein: auf die Premiere am 3. Juli in Hundwil und den Einfluss des Forschungsteams auf die Produktion, aber auch auf die ersten Forschungsergebnisse, die ab 2015 an der ZHdK präsentiert werden. * Prof. Anton Rey ist Leiter des Institute for the Performing Arts and Film (IPF) (anton.rey@zhdk.ch), Yvonne Schmidt ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am IPF und Projektleiterin des SNF-Forschungsprojekts «Festspiel heute. Bedeu- tung und Praxis einer umstrittenen Theaterform» (yvonne.schmidt@zhdk.ch). Festspiel «Der Dreizehnte Ort»: 3. Juli bis 24. August, Hundwil AR Regie: Prof. Liliana Heimberg, Text: Paul Steinmann, Musik: Noldi Alder, Choreografie: Gisa Frank. www.derdreizehnteort.ch und www.ipf.zhdk.ch 30 Zett 1–13 / Darstellende Künste und Film «Grenzwechsel»««««;»»,,«,÷»˚, Wanderperformance auf dem Hohen Hirschberg mit Gisa Frank. Bild: Stefan Rötheli

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