Please activate JavaScript!
Please install Adobe Flash Player, click here for download

Zett – Das Magazin der Zürcher Hochschule der Künste – 1 – 2013

Intonation sichtbar gemacht

Musik/ Zett 1–13 31 tionskonzept entwarf Burkhard Kinzler auch für die Sympho- nie op. 21 von Webern. Es stellte sich aber bald die Frage, wie dieses mit Hilfe des Computers objektiviert werden könnte. Intonation sichtbar gemacht Dazu analysierte Hans-Christof Maier, der sich schon in ver- schiedenen Forschungsprojekten mit computergestützter Klanganalyse auseinandergesetzt hat, die historischen We- bern-Aufnahmen in Bezug auf ihre Tonhöhen. Es zeigte sich bald, dass sich gewisse Aufnahmen sehr stark an der gleich- schwebend temperierten Stimmung orientierten, andere In- terpretationen aber individuelle, unter Umständen zufällig entstandene Abweichungen aufwiesen. Diese Analysen wur- den mit der Software Syncvis visualisiert, die von Benjamin Rupprechter programmiert wurden und in Zusammenarbeit mit der Gruppe um Victor Candia (Collegium Helveticum) und Horst Hildebrandt entstanden ist. Somit konnten leicht erkennbar Abweichungen von der temperierten Stimmung sichtbar gemacht werden. Das neu geschaffene Tool machte es nun möglich, auch das individuelle Intonationskonzept, das Burkhard Kinzler ent- worfen hatte, zu evaluieren. Natürlich musste dieses Konzept zuerst in die klingende Praxis umgesetzt werden. Master-Mu- sikstudierende spielten im Januar im Rahmen des «Atelier Anton Webern» die Symphonie op. 21. Die Messwerte dieser Aufführung ergaben, dass es tatsächlich gelungen war, durch intensive Probenarbeit Kinzlers Konzept umzusetzen. Zwar scheint ein Intonationskonzept messbar zu sein, doch lässt sich damit wenig über dessen Wirkung aussagen. In einem nächsten Schritt soll untersucht werden, auf welches Ohr welche Feinabstimmung der Intonation am überzeu- gendsten wirkt. Das «Atelier Anton Webern» wurde von der Presse aufmerksam kommentiert: www.zhdk.ch/index. php?id=medienspiegel (NZZ vom 15. Januar 2013). * Lukas Näf ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Forschungsschwerpunkts Musikalische Interpretation, Departement Musik (lukas.naef@zhdk.ch). Darstellung der errechneten Tonhöhen mittels der Software Syncvis angewandte interpretations- forschung Der Forschungsschwerpunkt Musikalische Inter- pretation untersucht historische Interpretationen und gewinnt daraus Erkenntnisse für die Praxis. Lukas Näf* Interpretationsforschung erreicht ihr Ziel erst, wenn sie auch bei den Interpreten ankommt. Diesem Grundsatz galt ein Forschungsprojekt, das sich mit der Symphonie op. 21 des Komponisten Anton Webern (1883–1945) beschäftigte. Die Mitwirkung von Burkhard Kinzler, ZHdK-Dozent für Mu- siktheorie, Gehörbildung und Komposition, garantierte, dass die gewonnenen Erkenntnisse auch in die musikalische Praxis umgesetzt werden konnten. Weberns scheinbare Langsamkeit Arbeitsgrundlage der Untersuchung waren zunächst histo- rische Aufnahmen der Symphonie op. 21 aus den Jahren 1954 bis 2002 von Dirigenten wie René Leibowitz, Pierre Boulez, Herbert von Karajan, Robert Craft und dem Schweizer Schön- berg-Schüler Erich Schmid. Vorerst galt das Interesse den unterschiedlichen Tempi. Briefliche Aussagen von Webern schienen auf ein sehr langsames Tempo hinzudeuten. Mit phi- lologischen Untersuchungen der Skizzen konnte das in der Partitur vorgesehene Tempo, das Weberns erwähnten Aus- sagen widersprach, mit grosser Sicherheit bestätigt werden. Eine wichtige Frage der Musikpraxis ist diejenige nach den Feinabstimmungen der Tonhöhen, die sehr oft dem Zufall überlassen werden. Bei bewusstem Hinhören werden aber grosse Unterschiede deutlich, und es stellt sich heraus, dass eine Wiedergabe nicht ohne mehr oder weniger bewusstes Intonationskonzept auskommt. Ein unkonventionelles Intona-

Pages