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Zett – Das Magazin der Zürcher Hochschule der Künste – 1 – 2013

36 Zett 1–13 / Musik Fortsetzung von Seite 33 Wie ist das zu verstehen? Esistbemerkenswert,dassanderFranz-Liszt-Musikakademie die bedeutendsten ungarischen Komponisten – ausser Zoltán Kodály – keinen Kompositionsunterricht erteilten. Bartók war beispielsweise Professor für Klavier. Auch der in Westeuropa weniger bekannte, aber sehr bedeutende Leó Weiner unter- richtete ausschliesslich Kammermusik. Zu meiner Zeit wa- ren dies zum Beispiel András Mihály und natürlich György Kurtág. Durch diesen Unterricht erhielten wir als Studenten einen sehr tiefen und analytischen Einblick in musikalische Strukturen und Ausdrucksformen. Der Vater der ungarischen Komponistenschule an der Franz- Liszt-Musikakademie in Budapest, Hans (János) Koessler (1853–1926), war Deutscher. Wie war es möglich, dass seine Schüler derart unterschiedliche musikalische Wege beschrei- ten würden? Ernst (Ern˝o) von Dohnányi verblieb in der Ro- mantik verwurzelt, Emmerich (Imre) Kálmán verschrieb sich der Operette und Béla Bartók galt lange als «Neutöner». In der Tat ist Koessler der «Vater», aber Franz Liszt ist der «Grossvater» der ungarischen Kompositionskultur. Dies wird oft unterschätzt. Bis heute findet man seine Spuren in Werken von György Ligeti bis Péter Eötvös. Dabei geht es vor allem um die musikalische Gestik, Form und Aussagekraft. Koess- ler auferlegte seinen Studierenden keinen Stil, sondern lehr- te sie ein solides Handwerk. Er brachte ihnen wirklich den Komponistenberuf bei und muss sehr viel von musikalischer Intelligenz verstanden haben. Bartók und Kálmán studierten in derselben Klasse, doch welche ästhetischen Welten trennen sie! Dass Koessler als Deutscher in Budapest tätig war, ist nicht weiter verwunderlich. Die offiziellen Sprachen der Monar- chie waren bis 1844 eben Deutsch und Latein. Erst nach den Revolutionsjahren von 1848/49 begann die gebildete urbane Oberschicht sich allmählich mit den Nationalsprachen zu be- schäftigen. Liszt sprach kein Ungarisch, Smetana erlernte die tschechische Sprache erst im Erwachsenenalter. Wie sind Sie selber zum Dirigieren gekommen? Sie sind ja ursprünglich Pianist. Neben Klavier lernte ich auch Flöte, Kontrabass, Schlagzeug und Trompete und daraus folgte natürlich mein Interesse für das Dirigieren, die letztlich umfassendste musikalische Aus- drucksform. Mit 19 Jahren arbeitete ich in einem Theater als Korrepetitor mit Verpflichtung als Orchesterpianist. Während einer Vorstellung sprach ich in der Pause mit dem Dirigenten im Orchestergraben. Am Ende der Pause setzte er sich ans Klavier und sagte: «Und jetzt dirigierst du den nächsten Akt!» Zuerst dachte ich, er mache einen Witz, aber nach dem dritten Gongschlag merkte ich, dass er es ernst meinte. Da habe ich tief Luft geholt und den ganzen Akt dirigiert. Es klappte, und seither stehe ich auf dem Dirigentenpodest. Im April 2012 haben Sie mit dem Ensemble Arc-en-Ciel ein Werk von György Kurtág erarbeitet, Ende Mai steht eine Komposition von György Ligeti auf dem Programm. Beide Komponisten haben die zeitgenössische Musik in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mitgeprägt. Sie haben sowohl mit Ligeti als auch mit Kurtág gearbeitet und ihre Werke dirigiert. Können Sie die Zusammenarbeit mit ihnen kurz schildern? Die Zusammenarbeit mit ihnen war beziehungsweise ist entsprechend intensiv und anstrengend. Sie haben ein gigan- tisches ästhetisches Verantwortungsgefühl, eine hohe Selbst- kontrolle und irrsinnige, kompromisslose Erwartungen an Präzision, Musikalität und Ausdruckskraft. Und beide ver- treten eine sehr spezifische, mitteleuropäische Ästhetik: Man baut etwas Grosses aus einem kleinen Urkern, ähnlich der Ästhetik Paul Klees. Wo liegt die Herausforderung für das Orchester in Ligetis «Atmosphères»? Ein ähnlich gelagertes Werk existierte bis anhin nicht im klas- sisch-romantischen Repertoire. Auch wenn die Musikerinnen und Musiker den vorgeschriebenen Notentext genau spielen, heisst das noch nicht, dass dessen Inhalt richtig erfasst ist. Die ausserordentlich leise Dynamik und das extrem dichte musikalische Material fordern von den Musikern genau die Konzentration und Spannung, die ich vorhin beschrieben habe. In Ligetis und Kurtágs Lebensphilosophie geht es beim Musizieren letztlich um Leben und Tod. * Lehel Donáth ist Cellist und zuständig für das Orchestermanagement der ZHdK, Dept. Musik (lehel.donath@zhdk.ch). Das Interview wurde in unga- rischer Sprache geführt. Übersetzung: Lehel Donáth. Zsolt Nagy wurde 1957 in Gyula, Südost-Ungarn, geboren. Er studierte bei István Párkai an der Franz-Liszt-Musikakademie in Budapest und an- schliessend bei Péter Eötvös, dessen Assistent er von 1990 bis 1995 am Institut für Neue Musik der Musikhochschule Karlsruhe war. Seit 1999 ist Nagy Chefdirigent und künstlerischer Berater der Israel Contemporary Players. Als Gastdirigent hat er Orchester und Ensembles wie das Deutsche Symphonie- Orchester Berlin, das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR und das BBC Symphony Orchestra London geleitet. Er hat über 500 Werke zur Uraufführung gebracht. Seine Erfahrungen gibt er als Professor für Dirigieren am Pariser Konservatorium und an internationalen Meisterkursen weiter. So war der neue Chefdirigent des Tonhalle-Orchesters Zürich, Lionel Bringuier, in Paris Stu- dent von Zsolt Nagy. Konzert «A Space Odyssey»: Samstag, 25. Mai, Tonhalle Zürich 18.30 h, Kleiner Saal: Einführung 19.30 h, Grosser Saal: Konzert Orchester der ZHdK Vorverkauf: Tonhalle-Kasse: +41 (0)44 206 34 34, CHF 30/15 (Legi) ZHdK-Angehörige können Freitickets an den Empfängen der Häuser Florhofgasse 6 in Zürich und Tössertobelstrasse 1 in Winterthur beziehen. Programm Anton Webern: Passacaglia d-Moll, op. 1 (1908) Isabel Mundry: Non-Places 1 , ein Klavierkonzert, schweiz. Erstaufführung György Ligeti: Atmosphères (1961) Leoš Janáček: Sinfonietta op. 60 (1926) 1) Uraufführung: 22. Feb. 2013 in München mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks; Nicolas Hodges, Klavier; Emilio Pomàrico, Leitung

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