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Zett – Das Magazin der Zürcher Hochschule der Künste – 1 – 2013

Martin Parr ist mit seinem scharfen Blick auf die Welt einer der bedeutendsten Dokumentarfoto- grafen unserer Zeit. Das Museum für Gestaltung Zürich zeigt die erste grosse Ausstellung des britischen Fotografen in der Schweiz. Angeli Sachs* Zwei Möwen, die sich vor einem Union Jack um Pommes frites zanken, ein Paar, das sich nichts zu sagen hat, vor einer herbstlichen Fototapete, emsige Touristengruppen an den Or- ten dieser Welt, «die man gesehen haben muss». Seit Mitte der 1970er-Jahre zeigt der 1952 in Epsom, Surrey, geborene und heute in Bristol lebende Brite Martin Parr mit Serien wie «Last Resort», «Bored Couples», «Small World», «Common Sense» oder «Think of England» die gesellschaftliche Realität: Phä- nomene wie Konsum, Tourismus oder nationale Identitäten beleuchtet er aus einer unterhaltsamen Perspektive, die das Banale, Extreme und manchmal auch Abgründige im Alltäg- lichen sichtbar macht. Der vielfach ausgezeichnete Fotograf ist Mitglied der renommierten Fotoagentur Magnum. Seine Arbeiten wurden im Rahmen zahlreicher internationaler Ausstellungen gezeigt, werden häufig publiziert und sind in bedeutenden Sammlungen in Europa, Nordamerika, Asien und Australien vertreten. Fotograf, Filmemacher und Sammler «Souvenir» ist die erste grosse Ausstellung von Martin Parr in der Schweiz und vereint verschiedene Aspekte seines Werks als Fotograf, Filmemacher und Sammler. Mit zwölf Serien, ent- standen seit den 1980er-Jahren, gibt die Ausstellung einen um- fassenden Überblick seiner Arbeit als Fotograf. Die zwischen 2004 und 2008 entstandene Serie «Luxury» wird ausserdem als Bild- und Tonprojektion gezeigt. Sie ist eine internationale Bestandesaufnahme, wie Menschen ihren Reichtum und ihr ganzes Repertoire von Statussymbolen an Veranstaltungen wie Kunstmessen oder Pferderennen zur Schau stellen. Neben den etablierten Brennpunkten des Reichtums in Europa oder den USA rückt Martin Parr auch die aufstrebenden Länder der arabischen Welt oder Asiens ins Blickfeld. In «Luxury» gehe es um Menschen und Geld, das sei fast schon politisch, so Parr in einem Interview mit «art». Menschen mit zu viel Geld seien genauso ein Problem wie Menschen mit zu wenig Geld zum Leben. Weiter sagt Parr, dass die Welt zu reich geworden sei und wir zu viel Besitz hätten, an dem wir zu sehr hängen würden. Wir seien alle Teil des Problems, und deswegen spare er auch niemanden bei seiner Arbeit aus. Die Schweiz und ihre Klischees Speziell für diese Ausstellung entsteht die neue Serie «Think of Switzerland», ein humorvolles Porträt der Schweiz. Martin Parr hat zwischen 1990 und 2011 schon einige Male in der Schweiz fotografiert, zum Beispiel in St. Moritz, Basel und Olten. Dieser Grundstock von Fotografien wird zu einer neu- en Serie erweitert, in der Parr seinen Fokus auf verschiedene Schauplätze der Schweiz und die Besonderheiten und Kli- schees des Landes richtet. Wichtige Themen sind der Alltag im Wohlstand, Swissness und Tourismus. Dafür kam Parr im Au- gust 2012 und im März 2013 zu zwei mehrtägigen Fotoreisen in die Schweiz. Er selbst sagt zu diesem Projekt: «Unter allen kli- scheebehaftetenLänderninderWeltnimmtdieSchweizeinen Spitzenplatz ein. Diese Klischees habe ich als Ausgangspunkt für meine Erkundung des Landes genommen. Zuerst widme- te ich mich der herrlichen Landschaft und dem Tourismus, den sie nach sich zieht, und besuchte das bekannteste aller Bergdörfer: Zermatt. Ich greife gerne Klischees auf, mache sie zum Ausgangspunkt meiner Arbeit und gebe ihnen eine neue Wendung. Danach wandte ich meine Aufmerksamkeit Luzernzu,einemweiterenSammelpunktfürTouristinnenund Touristen. Als Nächstes kam die berühmte NGO-Enklave in Genf an die Reihe und schliesslich der alljährliche Opernball in Zürich, auf dem die wohlhabenden Schweizer sich amüsieren. Diese neuen Bilder kombinierte ich mit vielen Fotos, die ich im Lauf der Jahre aufgenommen hatte und die einen Bildteppich meiner Eindrücke vom Leben in der Schweiz ergeben.» Souvenirs Ergänzt werden die fotografischen Arbeiten durch Filme von und über Martin Parr. Aber Parr fängt nicht nur mit der Fo- tografie oder dem Film Aspekte der Realität ein, sondern ist parallel dazu ein leidenschaftlicher Sammler von skurrilen Objekten, mit vielen Beispielen aus dem politischen Kontext, wie dem sowjetischen Raumfahrtprogramm, Margaret That- cher, Saddam Hussein oder 9/11. In der Einführung zu sei- nem Buch «Objects» schreibt er: «In ihnen hallen die Themen meines fotografischen Werks wider, das ich auch als eine Form des Sammelns definiere. Indem ich etwas Ordnung in unsere chaotische Welt hineinbringe und Dinge in Kategorien einteile und schliesslich zu einem Buch oder zu einer Ausstellung zusammenstelle, kann ich ein kohärenteres Statement über meine Beziehung zur Welt abgeben.» In der Ausstellung tritt eine repräsentative Auswahl aus Mar- tin Parrs umfangreicher Sammlung in einen Dialog mit seinen Fotografien – alles Souvenirs, Erinnerungsstücke. Die Ausstel- lung wird von einem umfangreichen Vermittlungsprogramm mit Ausstellungsgesprächen, Workshops und einem Fotowett- bewerb begleitet. Die Zeitschrift «Du» publiziert begleitend zur Ausstellung im Juni ein Sonderheft zu Martin Parr mit Schwerpunkt auf der Serie «Think of Switzerland». * Angeli Sachs ist Kuratorin am Museum für Gestaltung Zürich und Leiterin der Vertiefung ausstellen & vermitteln im Master Art Education, Dept. Kulturanaly- sen und Vermittlung (angeli.sachs@zhdk.ch). Ausstellung «Martin Parr – Souvenir»: 12. Juli 2013 bis 5. Januar 2014, Museum für Gestaltung Zürich, Halle Vernissage: 11. Juli, 19 Uhr Museum / Zett 1–13 43 martin parr – souvenir «Unter allen klischeebehafteten Ländern in der Welt nimmt die Schweiz einen Spitzenplatz ein.» Martin Parr

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