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Zett – Das Magazin der Zürcher Hochschule der Künste – 1 – 2013

Toni-Areal / Zett 1–13 47 unter anderem auch zu Gehirn und Musik forscht, behauptet sogar, erst die Fähigkeit, Belohnung aufzuschieben, würde den Menschen zum Menschen machen. Die Aussage hat Im- plikationen nicht nur für Durchschnittssterbliche, sondern vor allem auch für Künstlerinnen und Künstler, Sporttreibende, Investmentbanker, Verliebte und Bildungswillige. Da sind wir nun also. Die Belohnung «Toni» wird für ein Jahr aufgeschoben. Wir werden unseren neuen Campus 2014 ent- spannt, mit beneidenswert tiefem Body-Mass-Index, gereift und stressresistent beziehen dürfen. Die Erwartungen bleiben gross, deren Erfüllung braucht nun einfach etwas mehr Zeit, Zeit, die wir nutzen wollen, um uns auf den Quantensprung noch besser vorzubereiten. Damit wird dann ja auch die Be- lohnung vielleicht grösser. Insofern versuchen wir in der Tat, der Verschiebung eine positive Seite abzugewinnen. Film als Hommage an heutige ZHdK-Standorte Was ist vom Hochschultag, der so unvermittelt Titel und Thema auszuwechseln hatte, zu erwarten? Die grossen Er- wartungen an das Toni-Areal werden gleichwohl thematisiert werden. Sie werden zudem einen Film** sehen, der als Epilog auf unsere heutigen Hauptstandorte und als Vorschau auf un- seren neuen Campus gedacht war. Der Epilog ist geblieben, der Campus ziert sich noch. Wir verlassen unsere alten Ge- bäulichkeiten nicht ohne Wehmut. In einer Zeit, in der allein das Neue zu zählen scheint, ist das Wissen um das, was man verlässt, wenn man weitergeht, im Bestand gefährdet. Wir möchten dem mit einem Porträt der alten Hauptstandorte am Florhof, an der Ausstellungsstrasse und in Winterthur entge- gentreten. Bemerkenswert an diesen Gebäuden ist, dass sie auf ihren eigentlichen Zweck hin errichtet wurden. Man sollte ihnen ansehen, wofür sie da sind und was sie repräsentieren. Flexible Identität dank zeitgenössischem Gewand Heutigen Hochschulbauten fehlt diese Ausstrahlung, sie sind funktionsflexibel gedacht und könnten grundsätzlich auch anderen Zwecken dienen. Damit ist auf den ersten Blick ein Verlust an Identität verbunden. Auf den zweiten hingegen birgt das neutrale zeitgenössische Gewand durchaus Vorteile. Die Identität als «soft power» wird nicht mehr allein durch die «hard power» des Gebäudes geprägt, sondern durch das, was innerhalb der gebauten Struktur geschieht. Die Flexibilität, nicht zuletzt die kulturelle, wird dadurch grösser; Verände- rungen, auch in der Ausstrahlung, sind einfacher zu reali- sieren. Das verspricht schöne Belohnungen für die Zukunft, auch für jene, die nicht mehr die unsrige, sondern die unserer Nachfolgerinnen und Nachfolger sein wird. Wir bauen im To- ni-Areal ja nicht einfach für uns, sondern für eine Zukunft, die über uns hinausgehen wird. * Die ganze Rede, in der es um Hochschulpolitik, um Lehre und Forschung und um den dritten Bologna-Zyklus beziehungsweise das Doktorat geht, ist zu lesen unter www.zhdk.ch/hochschultag2013. ** Der Film «Adieu. Ein Albumblatt» (17 Minuten) ist auf YouTube und auf www.zhdk.ch/hochschultag2013 zu finden. Für alle Beteiligten die beste Lösung Es ist vielen engagierten internen und externen Kräften zu verdanken, dass damit eine Lösung auf dem Tisch liegt, die uns die Erfüllung unseres Auftrags ermöglicht. Darum geht es vor allem anderen. Trotz der Verzögerung bedanken wir uns: Bei der Bau- und bei der Bildungsdirektion für das Verständnis, die Unterstützung und den wirkungsvollen Einsatz. Bei der Generalunternehmerin Allreal dafür, dass sie von Beginn an die Verantwortung für die Verzögerung übernommen hat. Bei den Vermietern der gegen 40 Liegenschaften, in denen wir heute arbeiten, für die Bereitschaft, bereits gekündigte Miet- verhältnisse weiterzuführen. Persönlich bedanke ich mich beim Verwaltungsdirektor der ZHdK, Matthias Schwarz, so- wie bei Alessandra Zanotelli, der Leiterin unseres Facility Ma- nagements und ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Sie waren seit Mitte Dezember 2012 mit wenig anderem beschäf- tigt als mit dieser unmittelbaren Notlage. Die ganze ZHdK hat im Umgang mit dieser Situation grosse Flexibilität und – wie man das von einer Kunsthochschule erwarten kann – ebenso grosse Kreativität gezeigt. Wir haben Vorschläge diskutiert wie die Errichtung von Zeltstädten, die Nutzung leerer Fabrik- areale in Hongkong, die temporäre Pacht einer griechischen Insel oder die Miete des 2012 ausgemusterten amerikanischen Flugzeugträgers Enterprise, der uns ausreichend Platz gebo- ten hätte. Dass nichts von alldem in die Umsetzung gelangt, ist vielleicht sogar ein bisschen bedauerlich. Aber so richtig unglücklich macht es uns dann doch nicht. Die aufgeschobene Belohnung Wir wären – so viel ist klar – für den grossen Umzug von rund 3500Menschenbereitgewesen,budgetär,logistisch,personell, kommunikativ und mental. Wir werden uns jetzt noch einmal für ein Jahr gedulden müssen. Aus den «Great Expectations» ist die «Delayed Gratification» oder die «aufgeschobene Be- lohnung» geworden. Das Stanford-Marshmallow-Experiment aus den 1960er- und 70er-Jahren begründet die Theorie der aufgeschobenen Belohnung empirisch. Walter Mischel, der Erfinder, bot vierjährigen Kindern ein Marshmallow und zwei Optionen an. Sie konnten entweder den Experimentator rufen und das Marshmallow sofort essen, oder sie konnten warten, bis er von sich aus wieder auftauchte und ein zweites Marsh- mallow mitbrachte. Die Botschaft dabei lautete: «Entweder eine kleine Belohnung jetzt oder eine grössere Belohnung später.» Es gab Kinder, die nachgaben, und Kinder, die aus- hielten. Sie verwendeten Ablenkungsmanöver wie die Augen verdecken, sich unter dem Tisch verstecken, Lieder singen oder an Lebensmittel – vielleicht Spinatplätzchen – denken, die sie eigentlich nicht mochten. Interessant ist vor allem die Langzeitbeobachtung: Die Kinder, die der Verführung stand- gehalten hatten, wiesen als Teenager und Erwachsene ge- mäss der Studie deutlich bessere Werte aus in den Bereichen Sozialkompetenz, Selbstvertrauen und Stressresistenz. Ihre Eltern hielten sie für reifer und für besser fähig, rationale Lö- sungsstrategien zu verfolgen. Sie waren vermindert aggressiv, weniger hyperaktiv und weniger suchtgefährdet. Ihre Schei- dungsrate war tiefer und ihr Hang zu Übergewicht kleiner. Jede Minute, die ein vierjähriger Untersuchungsgegenstand der Versuchung widerstehen konnte, rechnete sich um in eine zweiprozentigeReduktiondesBody-Mass-Index.LutzJäncke, Professor für Neuropsychologie an der Universität Zürich, der

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