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Zett – Das Magazin der Zürcher Hochschule der Künste – 1 – 2013

Hochschule / Zett 1–13 09 das heisst ja nicht, dass Minderheiten diskriminiert werden, nur weil man sie so bezeichnet. Mit einiger Geduld fragt Elke Bippus nach, versucht aufzuzeigen, dass alle gewinnen, wenn man bestimmte Zuschreibungen und scheinbar natürliche Kategorien aufbricht und sie als von Machtinteressen kon- struiert entlarvt. Nach einer lebhaften Textdiskussion werden zwei künstle- rische Arbeiten vorgestellt, die sich mit dem «Butler’schen Instrumentarium» vielschichtiger und genauer erschliessen lassen – auch wenn es den meisten Studierenden noch schwer- fällt, diese Komplexität wahrzunehmen und zu beschreiben. Wenig Zeit für brennende Eigeninteressen Nach dreieinhalb Stunden intensiver Diskussion trinken wir einen Kaffee zusammen. – Bleiben bei all ihrem spürbaren En- gagementindendiversenBereichenüberhauptnochWünsche offen?, frage ich Elke. Gerne würde sie einmal wieder konzen- trierterschreiben,meintsie;dabeigingeesumFragestellungen wie: Wie wird Wissen aufgefasst? Oder anders gefragt: Mit welchen ästhetischen Praxen geht unsere Auffassung von Wis- senskultur einher? – Elke Bippus begreift Theorie als Hand- lung;dasversteheichnachderLektürevonJudithButlersText besser; indem sie Grundsätze (Prämissen) festschreibt, ist jede Theorie Ausdruck von Macht- und Ausschlussverhältnissen genauso, wie sie diese generiert. Ob sie etwas vermisst? «Dass ich selber etwas entwickeln kann, aber hierfür braucht es Zeit. Aktuell bleibt mir nur die Zeit, auf Anfragen, etwa zu Vorträgen oder Textbeiträgen, zu reagieren, ich möchte hier gerne wieder selbst initiativ werden können. Als ich 2006 nach Zürich kam, war die Umstellung auf das Ba- chelor-/Master-System in vollem Gang, das hat sich jetzt zwar etabliert, aber die Administrationsarbeit wird nicht weniger, sie verlagert sich, bleibt aber komplizierter als notwendig. Was mich auch sehr beschäftigt: Wie kann etwas nachhaltig sein? Auch ein Format wie die Soirée Z+ zum Beispiel; es ist nett, anregend und ergiebig, mit so verschiedenen interessanten Dozierenden zu diskutieren, aber das müsste Folgen haben, daraus könnte sich etwas entwickeln, aber dann kommt bereits der nächste Anlass, die nächste Tagung.» * Ruth Schweikert ist Schriftstellerin, Dozentin an der Hochschule der Künste Bern und im Studienjahr 2013/14 als Observer-in-Residence für Z+ an der ZHdK tätig. Sie bespricht ausgewählte Veranstaltungen unterschiedlicher Disziplinen. Darüber hinaus porträtiert sie verschiedene Persönlichkeiten in deren Arbeits- und Hochschulalltag und bietet Einblick in Produktions- und Lebenswelten der ZHdK (ruth.schweikert@gmx.net). Die weiteren Porträts sind unter http://zplus.zhdk.ch zu finden Im Atelier an der Pfingstweidstrasse: Elke Bippus (links) im Arbeitsgespräch mit Sally Schonfeldt, Studentin BA Medien & Kunst, Vertiefung Bildende Kunst. Foto: Regula Bearth Aufschlussreicher O-Ton Zum Schluss möchte ich allen Interessierten die kleine Korrespon- denz per E-Mail nicht vorenthalten, die wir nach unserem Gespräch geführt haben; ein wunderbares Zeugnis der hoch skrupulösen und genauen Selbstverortung von Elke Bippus im Kontext ihrer Arbeit an der ZHdK. Liebe Elke, was sollen die Studierenden in den drei Jahren Bache- lor lernen? Gibt es etwas, das dir in dieser Hinsicht (was nehmen die Studis nach drei Jahren mit) am meisten am Herzen liegt? Liebe Ruth, das sind schwierige Fragen, die immer nur vorläufig und aktuell beantwortet werden können, da sich bei Veränderung der Bedingungen auch die Antworten verändern (müssen). Die Studierenden sollten befähigt sein, sich in kritischer Auseinanderset- zung mit den gesellschaftlichen Bedingungen, und insbesondere mit dem Kunstsystem, einen Freiraum für ihre künstlerische Arbeit und ihr Denken zu schaffen. Anders gesagt, ich möchte sie auf einen Weg bringen, der es ihnen erlaubt, die grosse Schwierigkeit an- zugehen, eigenständig zu denken, ihre Kriterien, ihre Haltung auszu- bilden, ohne ignorant gegenüber den Gegebenheiten zu sein und den Mythos des Künstlergenies zu reproduzieren, aber sich auch nicht in einer anpassenden Unterwerfung einzurichten. Deshalb konfrontiere ich sie mit Theorien (wie jener von Butler), in denen diese Schwierigkeit behandelt wird. Das ist das grosse Anliegen, daneben gibt es die kleineren Schritte, Einblick in das Diskursfeld der Kunst, methodische Befähigung sich ein Thema zu erschliessen, sprechen, lesen und schreiben ler- nen. In groben Zügen zentrale Entwicklungen und Theoriebildungen in der Kunst der Moderne (das ist mein Schwerpunkt, also die Kunst- geschichte seit 1800) kennenzulernen, sich mit dem Wandel des Künstlerbildes und der Institution auseinanderzusetzen. Begriffe in ihrer Bedeutungsdimension und historischen Relevanz zu erkennen und nicht einfach oberflächlich damit um sich werfen. Neugierde und Offenheit, ihre Arbeit lustvoll ernst nehmen, ohne selbstverliebte Eitelkeit. Es geht mir in einer Weise darum, dass sie ihr Metier mit ihrem Denken und Handeln durchdringen, damit sie sich darin bewegen können, zickzack gehen, auch wieder zurücklaufen und anecken können, und nicht allein in die scheinbar einzig mögliche und angesagte Richtung rennen. Wann ist ein Kunstwerk gelungen (was ist «gute Kunst»?) für dich? Das ist für mich nicht abstrakt zu beantworten, das geht sozusagen nur am Befund, also in der Betrachtung des konkreten Werks, da ich hier weder eine ideologische Ausrichtung habe (zum Beispiel nur bestimmte Themen oder Medien zulasse) noch die Kriterien des Kunstmarktes übernehme, auch wenn die in meine Betrachtung ein- fliessen. Ein Kunstwerk ist zumindest gut/interessant, wenn es meine Aufmerksamkeit zu fesseln vermag und mich dazu bringt, mich mit ihm länger zu befassen und in Auseinandersetzung mit anderen zu kommen. Ob es dann gelungen ist, ist vielleicht gar nicht mehr so relevant, gelungen hat immer den Anklang von fehlerlos, zum Beispiel wenn eine Fragestellung formal und inhaltlich super problematisiert wäre, aber wer kann das schon. Vielleicht ist dann doch die Potenzialität eines Kunstwerks sein «Gelingen», die Poten- zialität unseres Denkens herauszufordern. Ich danke Elke Bippus herzlich für ihre Bereitschaft und Offenheit, mich Anteil nehmen zu lassen an ihrer Arbeit und ihrem Denken.

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