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Zett – Das Magazin der Zürcher Hochschule der Künste – 2 – 2015 - Pluralisierung der Perspektiven

Interkulturelle Erfahrungen öffnen die Augen für das Fremde im Eigenen

14 Zett 2–15 / Fokus: Die ZHdK im internationalen Austausch Pluralisierung der Perspektiven In unserer Alltagswelt erfahren wir Situationen und Dinge zumeist als gewiss. Erst in interkul- turellen Kontexten, durch Differenzerfahrungen und Störungen sehen wir die Dinge anders – und werden aufmerksam auf blinde Flecken. Ein Essay von Francis Müller* Der französische Autor Georges Perec, ein Vertreter der li- terarischen Oulipo-Bewegung, verbrachte im Jahr 1974 drei Tage in einem Café an der Place Saint-Sulpice in Paris und machte Notizen zu seinen Beobachtungen. Er sah nicht den Platz als vertrautes Ensemble und nicht den Bus als Teil eines Verkehrssystems, sondern: «‹KLM› (auf der Tasche eines Spa- ziergängers)», «Japaner in einem Bus» und «Ein recht grosses Stück Himmel (vielleicht 1/6 meines Blickfeldes)». Sein «Versuch, einen Platz in Paris zu beschreiben» ist ein ethnografisches Experiment, in dem er die vertraute und «normale» Alltagswelt dekomponieren und die Dinge aus ihren Bedeutungskontexten herauslösen möchte, was gewis- sermassen einer phänomenologischen Analyse entspricht. Es ist der Versuch einer Befremdung gegenüber gängigen Klassifikationsmustern. Erfahrung anderer Wirklichkeiten Ähnliche Erfahrungen machen wir, wenn wir uns in anderen kulturellen Kontexten bewegen. In China kann das Selbstver- ständliche – etwa das Einkaufen im Supermarkt – für alle, die der Sprache nicht mächtig sind, zur kulturellen Heraus- forderung werden. Der Blick, den Perec sucht, wird einem gewissermassen aufgezwungen. Wir machen in dieser Situa- tion eine Differenzerfahrung und entwickeln Kontingenzbe- wusstsein: Wir erfahren, dass die Alltagswirklichkeit, die wir normalerweise als gewiss erfahren, auch anders sein könnte. Zugleich ist uns auch in China der Supermarkt als kulturelles Konstrukt nicht genuin fremd. Das heisst: Wir kennen den Rahmen (Supermarkt), können aber einzelne Dinge (zum Bei- spiel Saucen) und Bedeutungen (zum Beispiel Schriftzeichen) nicht dechiffrieren. Wir suchen nach der Orientierung, die Perec loswerden möchte. Anders wäre es, wenn wir einen Menschen aus dem 15. Jahr- hundert durch eine Zeitreise in einen heutigen Supermarkt versetzen würden. Dieser Zeitreisende würde keinen Super- markt sehen, sondern bunte Dinge, seltsame Lichter, einen glänzenden Boden, orangefarbene Körbe. Die Funktion der Kasse – für uns selbstverständlich – wäre ihm genuin fremd. Alles wäre ihm in dieser Situation fremd. Aber genau deshalb sieht er etwas, was wir im Supermarkt nicht sehen; den «blin- den Fleck», wie es die chilenischen Philosophen Humberto Maturana und Francisco Varela sagen, und somit das, was in unserem Alltag verdeckt bleibt, weil wir den Supermarkt unhinterfragt als Supermarkt klassifizieren. Eine Frage der Betrachtung Wir folgen im Supermarkt einem intentionalen Blick. Wir kaufen die Dinge, die wir brauchen, und als Folge der Ver- kaufspsychologie auch das eine oder andere mehr. Wir be- wegen uns sehr gezielt in jenem Raum, der eine bestimmte Ordnung hat, in dem bestimmte Dinge verkauft werden. Der Supermarkt hat ein Script, das zu einer ganz bestimmten Form von Verhalten führt: Wir verhalten uns in einem Su- permarkt anders als in einem Museum. Wenn sich jemand im Supermarkt einzelne Produkte sehr lange und vertieft anschauen würde – so wie man dies in einem Museum tut –, würde diese Person als «verrückt» klassifiziert. Jedes einzelne Element des Ensembles Supermarkt kann aus seinem Kontext herausgelöst und anders betrachtet werden. «Ein Objekt, das wie eine Orange aussieht – das in der Tat eine Orange ist –, kann Mitglied einer unbegrenzten Zahl an- derer Klassen sein», sagt der Interaktionist Anselm Strauss. Sie kann auch (käufliche) Ware sein (was sie im Supermarkt tatsächlich ist), eine Vitamin-C-haltige Zitrusfrucht, ein symbolisches Objekt in einem religiösen Ritual, eine Zwi- schenmahlzeit oder an der Basler Fasnacht auch mal ein Wurfgeschoss. In China kann das Selbst­ verständliche – etwa das Einkaufen im Supermarkt – zur kulturellen Heraus­ forderung werden. Kulturelle Diversität ist das Kernmerkmal moderner Gesellschaften schlechthin, auch wenn es aktuell in Europa gerade en vogue ist, ihr Ende auszurufen.

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